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Formen der Depression

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Formen der Depression: Nicht nur Traurigkeit

Mit Depression werden fundamentale Veränderungen im Verhalten, im Erleben und in der Vitalität ohne oder mit manischen Symptomen bezeichnet.

Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem Depressiven gegenüber – und merkt es meist nicht. Weil kaum jemand direkt bekennt, dass die eigene Seele aus dem Lot geraten ist. Im Vordergrund stehen verschiedenste Beschwerden wie Kopf-, Herz-, Magen und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen. Es gibt Menschen, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu fanatisch berufliche, sportliche oder kulturelle Interessen. Präsentieren sich bei allem, was sie tun, locker und fröhlich, charmant und redegewandt. Andere wirken nervös, angespannt und innerlich getrieben; sie können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen.

Auch auf Familie und Freunde kann sich eine Depression verheerend auswirken. Viele stimmt die Hilflosigkeit des Kranken wütend und gereizt. Denn sie ahnen nichts von dem, was er erträgt.

In der Tat besteht eine Depression nicht nur aus Traurigkeit. Mit Depression oder affektiver Störung (Affekt = Gefühlszustand, Stimmung) werden fundamentale Veränderungen

  • im Verhalten,
  • im Erleben,
  • in der körperlichen Vitalität

ohne oder mit manischen Symptomen bezeichnet, die länger als zwei Wochen die gesamte Wahrnehmung und alle Handlungen überschatten. Depressiven wird praktisch jede Aktion von einer alles beherrschenden Stimmung diktiert. Unterschieden werden zwei Hauptgruppen:

Depressive Störungen ohne manische Symptome

Der Mensch ist in seiner seelischen und körperlichen Gesamtheit zutiefst getroffen, ohne dass die Ursachen immer fass- oder erklärbar wären. Gefühle der Traurig- und Trostlosigkeit, der Hoffnungs- und Hilflosigkeit bestehen annähernd jeden Tag und für die meiste Zeit des Tages. Das Interesse an allen gewohnten Aktivitäten erlischt, ein vorher umtriebiger Mensch wird ruhig bis einsilbig, zurückgezogen und bewegungsarm; er reagiert und spricht nur sehr zögernd, antwortet nicht auf gestellte Fragen, Gestik und Mimik wirken starr. Statt nachzudenken verfällt er ins Grübeln. Statt sich zu erholen, ermüdet er durch ständige Zweifel an sich und der Welt. Dazu kommen Appetit- und Schlaflosigkeit oder das Bedürfnis nach „Dauerschlaf“.

Diese häufigste Form der affektiven Störungen wird als unipolare affektive Störung, unipolare Depression oder Major Depression bezeichnet. Hinsichtlich ihrer Schwere zählt sie zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen. Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation mit mehr als 245.000 Teilnehmern ist zu dem Schluss gekommen, dass eine Depression die Betroffenen mehr beinträchtigt als Angina Pectoris, Arthritis, Asthma oder Diabetes. Depressiven Patienten, die zusätzlich an einer chronischen Erkrankung wie Diabetes leiden, geht es besonders schlecht.1

Interessenverlust und die völlige Unfähigkeit sich zu freuen sind Kernaspekte für die Diagnose der unipolaren Depression und in nahezu allen Fällen vorhanden. Das bedeutet praktisch: Sie können Ihre Arbeit nicht mehr bewältigen, blocken alles ab, was bisher mit Lust und Genuss verbunden war – vermeiden zum Beispiel soziale Kontakte, stellen Hobbys ein – und ziehen sich ins Bett zurück. Schwer Depressive können nicht mal mehr weinen, sie empfinden eine unendliche innere Leere. Gedanken an den Tod, Ideen von Selbsttötung, entsprechende Pläne und Versuche können sehr stark variieren. Depressive haben im Vergleich zu Gleichaltrigen aus der Allgemeinbevölkerung eine etwa doppelt so hohe Sterberate. Nach Suiziden - etwa 15 Prozent der Patienten mit wiederkehrenden Depressionen sterben durch Selbsttötung - sind es vor allem Erkrankungen des Herzens (Koronare Herzkrankheit), die depressive Patienten überdurchschnittlich gefährden. 2

„Viele Menschen wissen einfach nicht mehr, wozu sie da sind“, sagte der Theologe und Existenzanalytiker Uwe Böschemeyer in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.3 „Das Leben ist zu vielfältig geworden um es zu überschauen. Es überbeansprucht die Menschen. Diese Überbeanspruchung führt zu einem Verlust an Tiefe.“

Depressive Störungen mit manischen Symptomen

Dagegen sind im Rahmen der bipolaren affektiven Störung, bipolaren Depression oder manischen Depression leichte manische Symptome vielen Betroffenen geradezu angenehm. Die drei zentralen Merkmale einer Manie sind Hochgefühle, Hyperaktivität, Hemmungslosigkeit. Die heitere Stimmung, unermüdliche Betriebsamkeit und überbordende Mitteilsamkeit empfinden nicht wenige als positive Steigerung des Lebensgefühls. Das gilt natürlich nicht generell. Die Symptome verändern sich mit dem Schweregrad: Menschen in einer manischen Episode wirken leicht ungehobelt, geschwätzig und eingebildet; sie fühlen sich übermäßig euphorisch, sind hyperaktiv und glauben, sie selbst oder Ihre Ideen können die Welt verändern. In schweren Fällen wird das Handeln desorientiert und Wahnphänomene tauchen auf.

Die strikte Trennung zwischen uni- und bipolaren Verläufen ist nicht ganz unproblematisch, weil man beispielsweise nach einer oder mehreren depressiven Episoden nicht sicher wissen kann, ob manische Merkmale folgen werden. Risikofaktoren für einen solchen Wechsel sind ein jüngeres Lebensalter, eine verzögerte körperliche/intellektuelle Entwicklung, deutliche familiäre Belastungen mit depressiven Störungen.

Leicht, mittelschwer, schwer

Jede depressive Störung variiert stark in der Art und Dauer, Intensität und Häufigkeit der Merkmale und wird deshalb in weitere Kategorien unterteilt. Diese wiederum sind in zwei Diagnosesystemen festgelegt, die dem Facharzt vorliegen: in der aktuellen Internationalen Klassifikation von Krankheiten ICD104 der Weltgesundheitsorganisation und dem amerikanischen Diagnosesystem für psychische Erkrankungen DSM-IV.5

Ganz allgemein werden heute leichte, mittelschwere und schwere Depressionen unterschieden, nicht mehr verwendet werden Begriffe wie Endogene Depression, Klinische Depression, Larvierte Depression oder Reaktive Depression. Allerdings gehören sie noch immer zum Sprach-
gebrauch vieler niedergelassener Allgemeinärzte und mancher Psychiater, um die Hintergründe einer Depression zu beschreiben.

Beispielsweise galt die endogene Depression als der klassische Typ einer Depression und ist als „Melancholia“ bis in die Antike zurückzuverfolgen. Die Bezeichnung endogen verwies darauf, dass die Krankheit „im Inneren“ entsteht, also eher biologisch zu erklären ist. Eine reaktive Depression trat als Folge eines klaren externen Ereignisses auf, zum Beispiel nach einem schmerzlichen Verlust, bei Arbeitslosigkeit oder Scheidung.

 

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1 Depressionen schlimmer als Arthritis oder Asthma:
   Journalmed – Informationen für Ärzte, 13.09.2007

2 Sterberate ist bei Depressiven verdoppelt: Ärzte-Zeitung,
   29.08.2007

3 Hörbst, G.: Leben auf der Überholspur, Hamburger Abendblatt,
   10/2000.

4 International Classification of Diseases, 2006

5 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-IV;
   DSM-IV-TR

 

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Zuletzt geändert: 20.10.2008

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