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Verschiedene Ursachen

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Verschiedene Ursachen: Kein gemeinsamer Nenner

Erbliche Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster wirken ebenso zusammen wie das soziale Umfeld und biographische Krisen.

Ängste lassen sich nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen – erbliche Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, letztlich wird die Seele erst in ihrem Zusammenwirken verletzbar – vulnerabel – gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress. Entsprechend werden die Zusammenhänge in der Wissenschaft unter dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zusammengefasst. Es integriert verschiedene Theorien und Aspekte über die Ursachen, die bei jeder Angststörung wichtig sind. Im Einzelnen sind das:

Das psychosoziale Modell

Konzentriert sich auf Stressfaktoren und Konflikte. Demnach sind Ängste auf situationsbedingte Stressfaktoren (z.B. schmerzliche Trennungen oder Verluste, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit) und/oder psychische Konflikte (z.B. zermürbende Partnerkrisen) zurückzuführen. Früher galt die Auffassung, dass der Grad des Stresses die Schwere der Angst bestimmt. Ziel der Behandlung war es, die Belastungen auszuschalten. Dann hat sich gezeigt, dass nicht alle Angststörungen in das Schema passen. Bei einer Generalisierten Angst beispielsweise sind neben Dauerstress ein geringes Selbstwertgefühl sowie ein suboptimaler Gesundheitszustand an der Entwicklung beteiligt.

Das lerntheoretische Modell

Betont wird die klassische Konditionierung: Bislang neutrale Situationen oder Objekte lösen plötzlich Angstreaktionen aus. Am Beispiel der Flugangst bedeutet das: Wer niemals Angst vorm Fliegen hatte, erlebt bei einem turbulenten Flug die Angst vor dem Absturz. Fliegen ist von nun an mit Schrecken besetzt und wird gemieden. Das Problem wird dadurch aber nicht gelöst, die erworbene Konditionierung nicht außer Kraft gesetzt. Im Gegenteil, das gelernte Muster kann an andere Situationen oder Objekte gekoppelt werden und einen Teufelskreis in Gang setzen: Die Betroffenen vermeiden, wo es nur geht, wagen sich nicht mehr allein aus dem Haus, geraten in die soziale Isolation, versuchen die Angst mit Tabletten oder Alkohol zu verschleiern bzw. in den Griff zu bekommen. Was nicht selten zusätzlich in der Sucht, schlimmstenfalls im Suizid endet.

Andere Lerntheorien betrachten Angststörungen im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. In der frühen Lebensführung kann – muss aber nicht – die Erziehung deren Entwicklung begünstigen. So können unter anderem

  • eine überbehütete Kindheit,
  • traumatische Erfahrungen (körperliche, psychische Misshandlungen),
  • eine an liebevoller Zuwendung, Wertschätzung und Unterstützung fehlende Erziehung,
  • elterliche Zuwendung, die nur auf besondere Leistung erfolgt,
  • ein Erziehungsstil, der selbstsicheres und unabhängiges Verhalten wenig fördert,
  • Lerndefizite im Sozialverhalten

früh wichtige Hirnareale verändern. Die so entstehenden „biologischen Narben“ prägen die Persönlichkeit, Experten sprechen von „erhöhter Angstbereitschaft“ gegenüber sozialen Situationen, die als bedrohlich erlebt werden. Die Anfälligkeit allein führt aber nicht zwingend in die Erkrankung. Auch scheint es, als hätten die Betroffenen kein ausgeprägtes Gefühl der Kohärenz. Darunter versteht man eine bestimmte Lebenseinstellung, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Lebenskrisen bewältigen zu können.

Die Rolle der Gene

Die bisher beschriebenen Erklärungen stützen sich auf Lebens- bzw. Umweltbedingungen. Nun stellt sich die Frage, warum nicht alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen krank werden vor Angst. Das versuchen unter anderem Genetiker und Neurowissenschaftler zu klären, indem sie zunächst postulieren: Es muss zusätzlich eine genetische bzw. biologische Veranlagung vorliegen.

Genetische Faktoren werden für psychische Erkrankungen bisher nur ansatzweise verstanden, auch wenn sich das Grundlagenwissen inzwischen erweitert hat. Dennoch sollte die Bedeutung der Gene nicht überschätzt werden, sie können "einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben“, sagte Prof. Dr. Dr. Hermann Faller vom Würzburger Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.1 Zudem lösen Gene nicht per se Krankheiten aus, sie sind lediglich eine Disposition. Das heißt, das Risiko ist erhöht, die Krankheit muss jedoch nicht automatisch ausbrechen. Maßgeblich verantwortlich sind verschiedene Risikofaktoren, oft Umwelteinflüsse.

Das deutschlandweite Verbundprojekt MooDS2 unter Federführung der Universität Bonn erhält vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zunächst bis Ende 2010 Fördergelder in Millionenhöhe, um den Stellenwert der Gene für Depression, Schizophrenie und Co. zu bestimmen. Außerdem wollen die Forscher herausfinden, welche Funktionen diese Gene im Körper übernehmen.

Das biologische Modell

In der Hirnforschung hat sich in den vergangenen 30 Jahren ein Wandel vollzogen. Die Arbeitsweise des Gehirns wird neu verstanden. Natürlich kann längst keine Rede davon sein, dass erkannt wäre, wie das Gehirn im Detail funktioniert. Dennoch gibt es eine immense Menge an Erkenntnissen mit praktischen Konsequenzen auch für die Medizin.

Ein besseres Verständnis über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken haben die Struktur der Psychiatrie in den letzten 15 Jahren grundlegend verändert, angefangen bei den Ursachen über die Diagnostik zur Therapie. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Angst ist wie jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt, Stress. Und Stress verändert Hirnfunktionen. Die komplexen und unter-
schiedlichen Prozesse, die Angstgefühle erzeugen, laufen mit unglaub-
licher Geschwindigkeit und daher vielfach unbewusst ab. Welche Hirnstrukturen und Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter) daran beteiligt sind, war und ist Gegenstand zahlreicher Forschungen. Klar ist: Bei Angstpatienten sind bestimmte Hirnregionen und die zugehörigen Neuro-
transmitter aktiv, die unmittelbar das Denken und Fühlen beeinflussen. Dazu gehören die Mandelkerne (Amygdalae), eine stammesgeschichtlich sehr alte Funktionseinheit im Großhirn, die eng mit verschiedenen Strukturen des Gehirns verschaltet sind. Ob Furcht oder Fluchtwünsche – bei jeder Art von Emotionen spielen die Mandelkerne eine zentrale Rolle.

Sind die erst mal aktiviert, läuft das typische Angst-Flucht-Schema ab, das Menschen und höher entwickelte Tiere seit Urzeiten durchs Leben begleitet – und dieses oft genug rettet. In allen Stresssituationen sind in erster Linie jene Nervenzellen hoch aktiv, die das Stresshormon Nor-
adrenalin als Botenstoff benutzen. Diese stehen zu mindestens einem Drittel der Nervenzellen (Neuronen) in Kontakt, selbst zu weit entfernten wie denen in der Großhirnrinde. Je aktiver diese Neuronen sind, umso mehr Noradrenalin produzieren sie. Parallel dazu wird der Körper mit Cortisol geflutet, einem weiteren, im Nebennierenmark gebildeten Stresshormon.

Ein Faktor, der bei der „körperlichen Wahrnehmung“ von Stress eine Rolle spielt, ist das vegetative Nervensystem. Es ist bei Angstpatienten leichter erregbar als bei Gesunden. Das vegetative Nervensystem stellt die Verbindung zu den inneren Organen und Drüsen her. Diese Nerven haben mit Körperprozessen zu tun, die selbstständig ohne unser Bewusstsein (unwillkürlich) ablaufen. Beispiele sind Funktionen wie Atmung, Verdauung, Blutdruck, Schwitzen, Weinen.

 

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1 Sonnenmoser, M.: Genetik und Psyche: Bedeutung der Gene
   nicht überschätzen. Deutsches Ärzteblatt PP 3,
   Ausgabe Februar 2004, S. 71

2 Molecular Causes of Major Mood Disorders and Schizophrenia.
   Department of Genomics, Life&Brain-Zentrum, Rheinische
   Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn, 2007

 

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Zuletzt geändert: 20.10.2008

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