
Psychiatrie
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(photocase.com © J. Gärtner)
Psychische Probleme zu verstehen und als solche zu erkennen, bereitet nicht nur dem medizinischen Laien Mühe. Psychische Probleme haben viele Gesichter und machen es auch Ärzten nicht immer leicht, sie als eigenständige Krankheits-
bilder festzustellen.
Das gilt für Depressionen genauso wie für die Facetten der Ängste und die Abhängigkeit von Alkohol und/oder von Medikamenten. Entsprechend sind Fragen wie
nur einige der gesundheitspolitisch und klinisch drängenden Fragen, die es wert sind, umfassend erforscht und beantwortet zu werden. Zumal psychische Probleme in ihrer Bedeutung häufig noch immer unterschätzt werden. In der Öffentlichkeit gelten sie nicht nur als selten, sondern auch als unheimlich und anstößig, als Zeichen von Mimosenhaftigkeit und Disziplinlosigkeit oder als persönliches Versagen. Ein anderes Vorurteil ist die Ansicht, dass Erkrankungen der Seele im Wesentlichen vererbt sind und eine Behandlung nicht möglich sei.
Die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Jahre enthüllen eine andere Wirklichkeit. Tatsächlich sind psychische Probleme weit verbreitet: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden zur Zeit weltweit um die 450 Millionen Menschen an seelischen Störungen, was diese zu den führenden Ursachen gesundheitlicher Defizite macht.1 Und: Sie dehnen sich immer mehr aus. Zurzeit machen sie noch zwölf Prozent der gesamten Krankenlast aus, für das Jahr 2020 lauten die Prognosen 15 Prozent. Das beste Beispiel sind Depressionen: Heute sind sie die viertwichtigste Ursache von Arbeitslosigkeit oder „verlorenen Jahren“, 2020 werden sie voraussichtlich an zweiter Stelle stehen – übertroffen nur von den Herzkrankheiten.
Nach neueren Berechnungen der WHO sind in Nordeuropa psychische Probleme bei bis zu 30 Prozent der Leute die Ursache, wenn die zu ihrem Hausarzt kommen.2 Betroffen sind mehr Frauen als Männer und vor allem ältere Frauen. In Deutschland hat 2006 eine bundesweite Auswertung von Krankendaten der Kaufmännischen Krankenkasse KKH ergeben, dass fast sechs Prozent der 40- bis 60-jährigen Frauen und rund vier Prozent der Männer in diesem Alter unter einer psychischen Störung leiden. Im Vordergrund stehen dabei Depressionen sowie Phobien und Ängste. Interessant ist: Wenngleich grundsätzlich Arbeitslose häufiger leiden als Berufstätige, sind Frauen in Büroberufen noch stärker betroffen als Menschen ohne Arbeit.
„Psychische Störungen sind Erkrankungen unseres Gehirns und Nervensystems – dem komplexesten Organ des Menschen. Warum sollte ausgerechnet dieser Teil unseres Körpers weniger häufig erkranken als andere Organe?“ fragte Hans-Ulrich Wittchen, Professor der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, als er im Dezember 2005 anlässlich des 1. Deutschen Präventionskongresses eine umfassende Bestandsaufnahme zur psychischen Gesundheit in Europa vorstellte.3 Es waren Daten von insgesamt 150.000 Betroffenen aus 27 Studien berücksichtigt worden. Daraus einige Angaben:
„Der Schlüssel für ein besseres Verständnis psychischer Störungen heißt Hirnforschung“, hat Professor Wolfgang Gaebel, ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken für Psychiatrie in Düsseldorf, bereits zu Beginn des neuen Jahrtausends festgestellt. Zu jenem Zeitpunkt hielten die Psychiater ihr Fach für das interessanteste der gesamten Medizin, da die zahlreichen neuen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Funktionsunterschiede zwischen Gesunden und Kranken in den letzten zehn Jahren die Psychiatrie grundlegend verändert hatten – vom Verständnis der Ursachen über die Diagnostik bis zur Therapie.
Entsprechend lassen sich psychische Störungen nicht immer auf einzelne, eindeutige Ursachen zurückführen. Es wirken verschiedene Faktoren zusammen, erbliche Veranlagung und erlernte Verhaltensmuster ebenso wie das soziale Umfeld und biographische Krisen. So vielfältig die Faktoren auch sind, letztlich wird die Seele erst in ihrem Zusammenwirken verletzbar gegenüber belastenden Einflüssen, also Stress.
Welche Krankheitsform sich die leidende Seele sucht, hängt von der Persönlichkeitsstruktur ab. In fast allen Fällen geht dies aber mit Veränderungen in bestimmten Hirnarealen einher, genauer: mit einer Störung im Stoffwechsel der chemischen Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese gewährleisten die einwandfreie Kommunikation zwischen den rund 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns und steuern verschiedene körperliche und geistige Prozesse. Wenn in dem Zusammenwirken etwas nicht stimmt, kann sich das in psychischen Störungen ausdrücken.
So ist bei zwanghaften Handlungen, Impulsen oder Gedanken (Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren…) die Aktivität des Botenstoffes Serotonin im Frontalhirn, Striatum („Streifenhügel“) und Limbischem System („emotionales Gehirn“) von zentraler Bedeutung. Bei Depressionen und Angststörungen sind es das Serotonin und Noradrenalin u.a. im Limbischen System. Mit bildgebenden Verfahren lassen sich solche Dysbalancen heute sogar optisch darstellen.
Unklar ist generell noch, was Henne und was Ei ist, also inwieweit Neurotransmitter-Störungen zum eigentlichen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen oder ob sie selbst lediglich Bestandteil eines Prozesses sind.
So oder so: Die stetigen Fortschritte erlauben heute eine Feindiagnostik sowie den Einsatz einer breiten Palette an wirksamen Therapien, die für jeden Patienten maßgeschneidert werden können. Das bedeutet stets eine Kombination von Psychotherapie und Medikamenten: Kurzzeitbehandlungen von zehn bis 20 Sitzungen können dabei helfen, das Vertrauen der Betroffenen zu sich selbst (zu ihrem Körper, ihren Gefühlen, ihren Gedanken) und zur Bewältigbarkeit ihrer Lebenssituation (wieder) aufzubauen und damit auch Rückfällen vorzubeugen.4 Neue nebenwirkungsarme Medikamente sind darauf ausgerichtet, das Ungleichgewicht in der Anzahl der Neurotransmitter zu korrigieren.
Das Wichtigste aber ist Zeit, Trost, Zuversicht – ist das Prinzip Hoffnung. Es gilt, dem Betroffenen ein verständliches Modell seiner Krankheit zu vermitteln und ihn zum Experten der Erkrankung auszubilden. Fachleute, die dann auch noch Angehörige aktiv in das therapeutische Konzept einbinden, erreichen eine Menge: Manche Erkrankungen lassen sich heilen – Depressionen in 60 bis 80 Prozent der Fälle –, zumindest aber von den Symptomen befreien. Darauf zielt die sogenannte Psychoedukation: Mit Hilfe eines speziellen Trainings können Patienten und Angehörige ihre Lebensqualität verbessern und mithelfen, die Wiedererkrankungen zu verhindern. Ohne seelische Gesundheit ist nun mal alles nichts. Oder, um eine gemeinsame Feststellung der EU-Gesundheitsminister im Januar 2005 aufzugreifen: „Keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit.“
In diesem Sinne stellt Medmonitor Ihnen die häufigsten psychischen Gesundheitsprobleme, deren Ursachen, Merkmale und moderne therapeutische Konzepte vor. Aufklärung und Informationen sind wichtig, denn beides kann dem Stigma entgegenwirken, das diesen Störungen anhaftet und das viele Betroffene daran hindert, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Umdenken ist hier dringend erforderlich.
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1 Psychische Gesundheit in der Europäischen Region der WHO:
Faktenblatt EURO/03/03
2 Ebda.
3 Wittchen, H.-U. et al: Psychische Störungen in Deutschland und
der EU, Größenordnung und Belastung. Institut für Klinische
Psychologie und Psychotherapie, TU Dresden, 12/2005
4 Morschitzky, H.: Angststörungen, Diagnostik, Therapie,
Konzepte, Selbsthilfe. 3. Auflage, 2005, Springer Wien/New York
Zuletzt geändert: 20.10.2008
Sucht heißt in Deutschland: Missbrauch und Abhängigkeit von Tabak, Alkohol, Medikamenten. Und das in jedem Alter.
„Auf der Suche nach dem Verstehen Demenzkranker habe ich viel über das Grundsätzliche des Menschseins und über das Eigentliche der zwischen-
menschlichen Beziehungen gelernt.“