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Stress bewältigen

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Bild zum Thema Prävention, Stress bewältigen

(photocase.com © goenz)

Stress bewältigen: Alles ist Stress

Die Frage „Ist Stress wirklich ungesund?“ lässt sich eindeutig mit „Ja“ beantworten: 90 Prozent aller Herzinfarkte sind Lebensstil-bedingt, nur zehn Prozent bleiben für die Genetik. Und: Innerhalb einer Stunde nach einer akuten Stresssituation steigt das Infarktrisiko auf das 17-fache.

Sie kennen ihn, den berühmten Adrenalin-Flash: Der Blutdruck steigt und das Herz rast, Sie atmen tief durch, entwickeln eine mehr oder minder beängstigende Energie und los geht´s – gegen den Kollegen, den Lehrer der Kinder, den Partner oder den Deppen vor oder hinter Ihnen im Straßenverkehr. Jeder Reiz, der bewusst oder unbewusst auf uns einwirkt, ist Stress. Stress hat viele Gesichter und zahllose Gründe, auch wenn wir nicht immer wissen, was genau mit dem Begriff eigentlich gemeint ist.

Entwicklungsgeschichtlich gesehen hat sich Ihr Körper auf eine Kampf-oder-Flucht-Situation vorbereitet. Denn Stress ist ein natürliches und biologisch festgelegtes Gefühl – ein Relikt aus Neandertalers Zeiten, als die Menschen noch in freier Natur lebten und jede falsche Bewegung tödlich sein konnte. Biologisch hat sich nichts geändert: Unsere heutige Stress-Software ist die gleiche wie die unserer Vorfahren. Stress tritt meist in Situationen auf, die als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar eingeschätzt werden. Somit ist Stress ein durchaus hilfreiches Instrument, sich zu schützen.

Stress ist

  • ein Alarmsignal, das den Körper warnt und die Aufmerksamkeit erhöht,
  • eine automatische, also unbewusste Alarmreaktion, die den Körper auf blitzschnelles Handeln vorbereitet.

Die Reaktionen sind immer auf drei Ebenen möglich

Auf der Handlungsebene

  • Sie wenden sich ab, flüchten, gehen kritischen Situationen aus dem Weg oder kämpfen.

Auf der gedanklich-emotionalen Ebene

  • Sie fürchten z.B. die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben.

Auf der körperlichen Ebene

  • Sie schwitzen oder frieren, erleben z.B. Schwindelgefühle, Muskelverkrampfungen, Benommenheit, Flimmern vor den Augen, Taubheit oder Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, Übelkeit, Herzrasen, Harn-, Stuhldrang, Atemnot bis hin zu Erstickungsgefühlen.

Die drei Anteile treten nicht immer gleichzeitig und gleich stark auf. Dennoch spielen alle drei sowohl bei der Entstehung als auch bei der Aufrechterhaltung der Stresssymptomatik eine Rolle.

Akuter Stress ist, obwohl er als unangenehm erlebt wird, meist nicht gefährlich, sondern einfach nur eine Anpassung des Organismus auf Belastung. Heikel wird´s, wenn zwischen den Stressphasen keine Zeit mehr zur Erholung bleibt und die permanenten Anforderungen sich zur chronischen Überforderung entwickeln. Dann lässt sich die Frage „Ist Stress wirklich ungesund?“ eindeutig mit „Ja“ beantworten: 90 Prozent aller Herzinfarkte sind Lebensstil-bedingt, nur zehn Prozent bleiben für die Genetik.1 Und:

Innerhalb einer Stunde nach einer akuten Stresssituation steigt das Infarktrisiko auf das 17-fache.2

Die langfristigen Folgen von Stress auf Körper und Seele sind vielfältig, sie können über allgemeine Erschöpfung und Müdigkeit hinaus körperliche Erkrankungen, Schmerzsyndrome und Autoimmunerkrankungen triggern. Beispiele sind:

  • Allergien, Ängste, Alkoholismus, Bluthochdruck, Burnout, chronische Magen-Darmerkrankungen (wie Gastritis, Reizdarm, Colitis ulcerosa; Morbus Crohn, Zwölffingerdarmgeschwür, Depression, Drogen-
    konsum (incl. Rauchen), Essstörungen, Fibromyalgie, Hautleiden, HNO-Erkrankungen (Hörsturz, Tinnitus, Schwindel, ständig wiederkehrende Erkältungen), Kopfschmerzen/Migräne, rheumatische Erkrankungen, Schlafstörungen, Überfunktion der Schilddrüse, eine Fülle von gynäkologischen/urologischen Problemen.

Nahezu alle Beispiele zählen auch zum Komplex der psychosomatischen Krankheitsbilder (siehe auch: Psychosomatisches Netzwerk: Wie Immun-, Nerven- und Hormonsystem miteinander kommunzieren).

Positiver Stress wirkt genauso wie negativer Stress 

Andererseits haben Studien gezeigt, dass durch bewusste Entspannung z.B. der Blutdruck sinken kann, Schlafstörungen gelindert werden können und auch die Anfälligkeit für Stress reduziert wird. Genauso wie unser Herz bei der Vorstellung einer (furcht)erregenden Situation heftig zu pochen beginnt, so kann die Frequenz durch bewusste Beruhigung verringert werden. Das Erlernen von Entspannungstechniken ist ein wichtiger Teil eines gesundheitsbewussten, präventiven Lebensstils.

Das Problem aber ist: Viele nehmen Dauerstress nicht ernst, weil sie diesen auch positiv wahrnehmen. Nach klassischer Definition wird Stress nämlich nicht nur negativ erlebt. Danach reagiert der negative Stresstyp (Disstress-Typ) mit einer blockierenden Erregung, der positive Stresstyp (Eustress-Typ) durch besonders konzentrierte Haltung. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede im  Stresserleben und -verhalten. Diese Darstellung spielt in der aktuellen wissenschaftlichen Forschung jedoch keine Rolle mehr, dort unterscheidet man nur noch zwischen akutem und chronischem Stress. Begründung: Positiver Stress wirkt im Körper genauso wie negativer Stress. Soll heißen: Stress ist Stress. Ein kurzer Ausflug zu den Stresshormonen und Hirnfunktionen erklärt, wie das gemeint ist.

Der populärste Stress ist nach Ansicht von Stressforschern der Arbeitsstress. Am nachhaltigsten wirken die Pflege eines Angehörigen und der Verlust eines geliebten Menschen durch Tod.

Salutogenese: Ja zum Leben – trotz allem

Dennoch bleibt es dabei: Es gibt Menschen, denen kann Dauerstress nichts anhaben, sie sind widerstandsfähig und bleiben gesund – trotz harter Zeiten oder Umgang mit Leid. Was unterscheidet diese Menschen von jenen, die an Belastungen, Lebenskrisen oder Schicksalsschlägen schwer erkranken oder zerbrechen? Diese Frage fasziniert Wissen-
schaftler seit jeher; sie ist mittlerweile weitgehend beantwortet:

Diese Menschen erleben sich nicht als Opfer der Umstände; für sie ist Stress eine Herausforderung, die sie handhaben und bewältigen können – und die einen Sinn für das weitere Leben hat. Diese Menschen haben Verhaltensweisen, Denkstile und Schutzstrategien (früh entwickelt oder später trainiert), die ihnen Hilfe und Halt geben, wenn´s drauf ankommt; sie haben gelernt, sich von ihren Ängsten und Zweifeln nicht über-
wältigen zu lassen.

In der modernen Wissenschaft gibt es dafür Modelle wie die Salutogenese (Lehre von der Gesundheit). Der zentrale Begriff der Salutogenese ist das Gefühl der Kohärenz. Dies ist eine bestimmte Lebenseinstellung, die mit der Gewissheit einhergeht, tägliche Belastungen und Lebenskrisen bewältigen zu können. Man kann Kohärenz auch als ein „überdauerndes Gefühl“ des Selbstvertrauens bezeichnen, das durch Schicksalsschläge, Misserfolge und Anfeindungen anderer nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.3

Im Alltag finden viele Patienten (und Nicht-Patienten) Kraft in ihrer Religiosität oder Spiritualität. Die einen glauben an einen Gott, die anderen daran, dass das Leben – jenseits von Konfessionen – Sinn und Bedeutung hat. Überzeugt davon, dass das Leben eines Menschen auf Sinnsuche ausgerichtet ist und ein fehlender Sinnbezug krank macht, war der Wiener Neurologe und Psychiater Victor E. Frankl (1905 bis 1997). Frankl hat die Sinnfrage ins Zentrum seiner Arbeiten zur Selbstmordprävention gestellt.

 

____________________

1  Interheart-Studie 2004
2  Stockholm-Studie 2005
3  Verband Deutscher Präventologen: Fachstudium Lehrinhalte.
   Grundlagen, 2007

 

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Zuletzt geändert: 20.10.2008

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