
Experteninterview
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Dr. Jann Arends, Klinik für Tumorbiologie an der Albert-Ludwigs-
Universität Freiburg, Abt. Gastroenterologie und Ernährung, im Gespräch mit Medmonitor.
Gemeint ist damit alles, was eine Pflanze produziert, um ihr eigenes Überleben zu sichern: Abwehrstoffe gegen Schädlinge, Farb- und Aromastoffe, Wachstumsregulatoren. Man spricht auch von Bioaktivstoffen, oder – in Anlehnung an die Vitamine – von Phytaminen.
In gewisser Weise schon: sie werden als unentbehrlich für die Gesundheit eingestuft. Doch wir stehen mit unseren Erkenntnissen noch immer am Anfang. SPS kommen in Pflanzen nur in Minimengen vor.
Flavonoide – eine der wichtigen Untergruppen der SPS – stecken in nahezu jeder Pflanze, in Kartoffeln ebenso wie in Erbsen, Erdnüssen oder Soja. Karotinoide geben Obst und Gemüsen wie Pfirsich, Karotten, Mango, Tomaten, Paprika und Spinat ihre rote, gelbe oder tiefgrüne Farbe. Es sind übrigens diese Farbgeber, denen krebshemmende Wirkungen zugeschrieben werden.
Ihre gigantische Vielfalt. Allein bei den Flavonoiden geht man von 6 000 bis 10 000 Vertretern aus. Außerdem sind mehr als 600 Karotinoide bekannt.
Antioxidativ, das heißt, sie wehren die aggressiven freien Radikale ab, die Zellen und Erbinformationen nachhaltig schädigen und somit die Krebsentwicklung begünstigen. Aber nicht nur das. SPS wirken wie Antibiotika, töten also Bakterien bzw. stoppen ihre Vermehrung. Nicht zuletzt aktivieren sie die Killerzellen des Immunsystems gegen Krankheitserreger.
Zugrunde liegt die Beobachtung, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, seltener an bösartigen Tumoren erkranken. Die Mittelmeerküche ist hier ein wichtiges Beispiel: Bei Südeuropäern treten bestimmte Krebsarten, z.B. am Dickdarm, sehr viel seltener auf als bei Bewohnern nördlicher Breitengrade. Die mediterrane Küche zeichnet sich durch eine Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel aus. Gemüse, Salat, Obst und Nüsse kommen täglich auf den Tisch – Milch, Joghurt und Käse aber auch. Fisch und Geflügel werden mehrmals wöchentlich serviert, dunkles bzw. rotes Fleisch selten. Die Hauptfettquelle ist Olivenöl. Bei dieser Vielzahl von Biostoffen kann es nur schwer gelingen, die Wirksamkeit einzelner Substanzen herauszufiltern. Es gilt also: Die Mischung macht´s.
Ja. Die Veranlagung für Krebs ist zwar häufig in den Genen verankert, ob er sich jedoch entwickeln kann, ist in hohem Maße eine Frage des Lebensstils. Untersuchungen besagen, dass etwa jeder dritte bösartige Tumor auf Ernährungsfehler zurückzuführen ist. Dabei scheint ein zu hohes Körpergewicht eine ganz wesentliche Rolle zu spielen. Gemüse und Obst helfen, das Gewicht gesund und konstant zu halten.
Deutliches Übergewicht erhöht das Risiko für Tumorwachstum in vielen Organen. Diese unangenehme Wirkung wird möglicherweise über Zellwuchsfaktoren vermittelt, die im Blut mit dem Körpergewicht ansteigen. Die WHO hat Ernährungs- und Lebensstilfaktoren in ihren Auswirkungen auf das Krebsrisiko auf der Basis von gesicherten, wahrscheinlichen und möglichen Hinweisen ausgewertet.
Es gibt überzeugende Daten dafür, dass körperliche Aktivität das bei uns sehr hohe Darmkrebsrisiko vermindert, dass auf der anderen Seite Übergewicht und Alkohol krebsfördernd auf den Magen-Darmtrakt wirken und zusätzlich zum Auftreten von Brust-, Gebärmutter- und Nierenkrebs beitragen.
Dass der häufige Verzehr von Gemüse und Obst das Risiko für Mund-, Speiseröhren-, Magen- und Darmkrebs verringert und körperliche Aktivität das Brustkrebsrisiko reduziert. Andererseits gibt es ernsthafte Hinweise, dass „rote“ Fleischsorten wie Rind- und Schweinefleisch das Darmkrebs-
risiko steigern, während Geflügel ohne Schaden gegessen werden und Fisch sogar günstige Wirkungen haben kann.
Ja, selbstverständlich. Unsere Vorfahren haben aber über die Auswahl und Weiterzüchtung unserer heutigen Kulturpflanzen bereits die gesunden von den ungenießbaren Pflanzen getrennt. Doch auch unsere Gemüse sind nicht in jeder Form gesund: So ist das Solanin giftig, das sich in Kartoffeln anreichert, die über der Erde reifen und grün werden. Normal geerntete Kartoffeln enthalten dagegen nur unschädliche Mikromengen davon. In verschiedenen Gemüsen wie Spinat und Mangold steckt Oxalsäure, die Nierensteine fördern kann; Phytin in Getreide kann die Mineralstoffaufnahme bremsen, wenn die Nahrung wenig Vitamin C enthält. Wenn man sich aber an die üblichen Zubereitungsarten und eine ausgewogene Mischkost hält, ist kein Schaden zu erwarten.
Lycopin zählt zu den Karotinoiden. Es beeinflusst die Immunabwehr positiv, indem es die Kommunikation zwischen den Zellen fördert, und es wirkt antioxidativ. Ein blauäugiges Vertrauen auf solche Einzelstoffe ist jedoch wahrscheinlich fehl am Platz. Die schützende Wirkung scheint vielmehr aus der Vielzahl unterschiedlicher pflanzlicher Stoffe zu resultieren, und – so lernen wir heute – wohl auch nur, wenn wir uns mindestens drei bis vier Stunden pro Woche zügig bewegen. Insgesamt gilt: Je bunter der Speiseplan, umso besser. Nur so können Sie sicher sein, dass Sie das gesamte Spektrum der in der Nahrung vorhandenen Vitalstoffe aufnehmen. Einiges sollte roh gegessen, das übrige schonend zubereitet werden, da durch starkes Kochen vieles verloren geht. Andererseits sind einzelne Inhaltsstoffe nur durch Erhitzen zugänglich. Daher ist es glatter Unfug, nur von Rohkost leben zu wollen.
Nein, es gibt bisher keine exakten Vorschläge. Daher empfehlen internationale Ernährungsinstitute und die Deutsche Krebsgesellschaft ganz allgemein, täglich mindestens fünf Portionen rot-grün-gelbes Gemüse sowie Obst zu sich zu nehmen. Nicht zu vergessen sind: Milch und Milchprodukte für die Versorgung mit knochenstärkendem Calcium und Vitamin D sowie Kaltwasserfische mit ihren speziell schützenden Omega-3-Fettsäuren. Für jedes Produkt gilt: Frisch muss es sein. Kaufen Sie saisongerecht ein und bevorzugen Sie - wann immer möglich – heimische Ware.
Interview: Dr. Christiane Berg/Andrea S. Klahre
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Zuletzt geändert: 26.05.2008
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