
Künstliches Hüftgelenk
| Diskutieren | Register |
Der Einbau einer Hüftendoprothese zählt zu den großen Operationen am Muskel-Skelett- System – und zu den Standardoperationen. Die Ziele sind anspruchsvoll: Ein hochwertiger moderner Gelenkersatz fügt sich optimal in den Körper ein, beseitigt Schmerzen, macht Medikamente überflüssig, gibt dem Patienten maximale Beweglichkeit und lässt ihn viele Jahre vergessen, dass es nicht sein eigenes Gelenk ist, das er da in sich trägt. Bei aller Routine sind hierfür große operative Erfahrung und chirurgisches Können gefragt.

(photocase.com
© glitzerfee)
Das Hüftgelenk ist das meistbelastete Gelenk des menschlichen Körpers, da es das gesamte Körpergewicht zu halten hat.1 Eine Operation, die ein komplettes Hüftgelenk ersetzt, eröffnet naturgemäß den Raum für jede Menge Fragen. Jüngere Patienten mit angeborenen Gelenkfehlstellungen oder Unfallfolgen haben vermutlich andere als ein älterer „klassischer Arthrosepatient“, bei dem alle Mittel der konservativen Therapie – von der Bewegungs- über die Physiotherapie zu Medikamenten – ausgeschöpft sind. Zwei Umstände eint alle:
Nun ja, die Entscheidung für ein künstliches Hüftgelenk trifft man nicht mal eben so, sie ist häufig mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass in Deutschland jedes Jahr rund 190.000 Hüftprothesen implantiert werden – mit Kosten in Milliardenhöhe.2
Es erscheint daher wichtig, nicht nur kontinuierlich Implantatmaterialien und Operationsmethoden zu optimieren, sondern vor allem die Rehabilitationskonzepte und die Aufklärung des Patienten im Vorfeld einer Operation. Auf allen Ebenen ist viel in Bewegung.
Zum einen hat sich durch die Entwicklung der Implantattechnik in den vergangenen Jahren auch für jüngere Betroffene viel verbessert. Wenn-
gleich neue und scheinbar innovative Behandlungsverfahren ihre Gleich-
wertigkeit oder die postulierte Überlegenheit gegen Standards erst nach-
weisen müssen, so bestehen doch gute Chancen, aus einer großen Vielfalt an Implantaten und Implantationstechniken das für einen Patienten am besten geeignete Modell zu finden.
Das Hüftgelenk besteht aus der Hüftpfanne im Beckenknochen und dem Hüftkopf des Oberschenkelknochens. Entsprechend gibt es Prothesen für Gelenkkopf und Gelenkpfanne – exakt aufeinander abgestimmte Einzel-
komponenten aus Titan, Keramik oder speziellen Kunststoffen, die drei Risiken so gering wie möglich halten sollen: Abrieb am Gelenk, Auskugeln/
Ausrenken des Hüftkopfs aus der Pfanne (Luxation), Materialverschleiß.
Zum anderen gelten auch beim Gelenkersatz minimalinvasive Operations-
techniken als echte Errungenschaft. Beim Gelenkersatz werden mit höchster Präzision Teile des Knochens entfernt und durch Prothesen ersetzt, die präzise auszurichten und gut zu verankern sind. Geht der Operateur bei der Hüftarthrose (Coxarthrose) minimalinvasiv vor, dann operiert er durch kurze Hautschnitte muskelschonend, denn der Einbau einer Hüftendoprothese erfolgt ausschließlich durch vorhandene Lücken in der Muskulatur. Dadurch wird umliegendes Weichteilgewebe geringer verletzt, was nicht nur von kosmetischer Bedeutung ist: Je mehr Muskel-
masse und Bindegewebe erhalten werden können, umso schneller sind Sie nach der Operation wieder auf den Beinen.
Das ist für alle Patienten wichtig und für jüngere besonders, da sie meist so schnell wie möglich zurück ins aktive Berufsleben müssen, um nicht neben der körperlichen Beeinträchtigung noch eine wirtschaftliche zu erleiden. Allerdings lässt sich nicht jede Hüfte minimalinvasiv operieren, stark übergewichtige oder sehr muskulöse Patienten profitieren nicht davon. Fettgewebe und Muskelmassen erschweren den Zugang.
Das alles und noch viel mehr erfordert eine langjährige operative Erfahrung, chirurgisches Können und spezielle Fortbildungen/Trainings in ausgewählten Zentren. Denn nur durch Erlernen von spezifischem Know-How können erfahrene Operateure ein Implantat so einbringen, als hätten sie einen großen Zugang zum Gelenk vor sich.
Leider gibt es in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Norwegen noch kein sogenanntes Zentrales Prothesenregister, um Komplikationen durch ungeeignete Produkte oder regionale Häufungen von Wiederholungsoperationen rechtzeitig zu dokumentieren und damit auch der Öffentlichkeit einen Überblick über schwarze Schafe unter Herstellern und Kliniken zu verschaffen.
Daher sollten Sie sich vor einer Operation intensiv über Möglichkeiten, Techniken und Qualifikationen einer Klinik erkundigen.
Dazu gibt es mehr Gelegenheit denn je. Immer mehr Häuser machen sich die Tatsache zunutze, dass korrekte und verständliche Informationen bei den Patienten zu mehr Verständnis für ihre Situation und die vorge-
schlagenen Methoden führen. Und bieten als Bestandteil des Qualitäts-
managements Vorbereitungskurse und Nachsorgeprogramme an. Das Plus für beide Seiten:
Bleibt die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Ist er spätestens dann gekommen, wenn Schmerz und Immobilität den Alltag diktieren und jedes bisschen zur Qual wird? Wenn der Patient Hilfe beim Anziehen der Schuhe und Strümpfe benötigt, weil er nicht mehr an seine Füße kommt? Oder wenn die arthrosebedingte Einnahme von Schmerzmitteln zur Gefahr durch unerwünschte Nebenwirkungen wird?
An der Erasmus Universität in Rotterdam haben Annet M. Lievense und Kollegen sich mit der Frage beschäftigt, welche Kriterien Coxarthrose-
Patienten bei der Entscheidung für eine Hüftendoprothese helfen könnten. Es wurden fünf Faktoren für einen schweren Verlauf der Coxarthrose ermittelt – und damit fünf Faktoren, die einen Gelenkersatz in absehbarer Zeit notwendig machen:3
„Der richtige Zeitpunkt, sofern es den überhaupt gibt, ist, wenn Du für Dich sagst, jetzt oder nie“, schreibt eine Patientin im Deutschen Arthrose Forum.4 „Mir riet der Radiologe zur baldigen OP. Er war für mich der Anlass zu sagen, jetzt ...“
Jede orthopädisch-rheumatologische Klinik oder Fachabteilung, jede allgemein- und unfallchirurgische Klinik oder Fachabteilung und jeder Orthopäde stehen als professionelle Ansprechpartner für die Behandlung der Hüftarthrose zur Verfügung. Im Internet:
Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik > ae-germany.com
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften > awmf.org
____________________
1 Glozbach, D.: Standzeitverkürzende Patientencharakteristika und
Protheseneigenschaften von aseptisch gelockerten
Hüftendoprothesen. Von der Medizinischen Fakultät der
RWTH Aachen genehmigte Dissertation. Saarbrücken, 2004
2 Bundesregister der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)
3 Lievense, A.: Prognosis of hip pain in general practice:
a prospective follow-up study. Arthritis Care & Research 2007;
57:1368-1374
4 Wann ist der 'richtige' Zeitpunkt für eine Hüftendoprothese?
Erfahrungsberichte und Dokumentation. Deutsches Arthrose
Forum, 04.03.2003
Zurück zu "Orthopädie" | Nach oben
Zuletzt geändert: 20.10.2008
Neben der Wahl des Implantats zählt die Operationstechnik zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren.
Mit der richtigen Vorbereitung und sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen mögliche Risiken gut im Griff.