
Was ist Schmerz?
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Mit dem Schmerz verhält es sich wie mit Dr. Jekyll und
Mr. Hyde: Er kann vor Schaden bewahren, aber auch zum unbarmherzigen Tyrannen werden und ebenso sinnlos wie unablässig quälen.
Ohne die Fähigkeit, Schmerzen zu erfahren, wären wir ständiger Verletzungsgefahr ausgesetzt und könnten etwas Wichtiges nicht lernen: künftig zu meiden, was weh tut. Schmerz ist also ein Schutzsystem. Es sorgt dafür, dass der Mensch Warnsignale hört und beantwortet. Einerseits. Andererseits können Schmerzen zum Mittelpunkt eines Lebens werden – und das Denken, Handeln, Fühlen massiv einschränken.
Zwischen Schmerz als „bellendem Wachhund der Gesundheit“ und jenem chronischen Schmerz, der die gesamte Persönlichkeit erfasst, liegen Welten. Signalcharakter haben akute Schmerzen, die als Hauptsymptom bei Verletzungen und inneren Erkrankungen auftreten, etwa bei einem Knochenbruch, einer Kolik, einem Infarkt oder nach einer Operation. In aller Regel sind die Ursachen bekannt und therapierbar. Keine Frage, dass die Schmerzen sehr belasten. Aber nur kurz, sie lassen nach, wenn die Ursachen beseitigt werden.
Im Gegensatz dazu stehen chronische Schmerzzustände. Deren Ursachen sind entweder bekannt und nicht therapierbar oder zu vielschichtig oder gar unbekannt. Eines verbindet sie: Sie dauern länger als sechs Monate beziehungsweise kehren regelmäßig wieder. Chronischer Schmerz hat keine Warnfunktion, sondern für den Betroffenen und seine Umgebung die Dimension eines meist sinnlosen Leidens.
Pain in Europe, die bislang umfangreichste Studie zu chronischem Schmerz in Europa, an der in den Jahren 2002 und 2003 rund 46.000 Personen teilnahmen, hat Bewegungsschmerz als die häufigste chronische Schmerzart ermittelt.1
Moderne Schmerzforschung versteht chronischen Schmerz nicht als Symptom einer körperlichen Krankheit. Er ist eine eigenständige Krankheit – ein Syndrom, das vielen Einflüssen unterliegt. Bei der Entstehung und weiteren Entwicklung wirken physische, psychische und soziale Faktoren zusammen.
Entsprechend besteht die wichtigste Aufgabe der Schmerztherapie in der Symptombehandlung: Durch langfristige Behandlung der schmerz-
fördernden Bedingungen – Körper, Seele, soziales Umfeld – soll das Leiden, wenn es schon nicht immer heilbar ist, zumindest gelindert werden.

(© Jürgen Sandkühler)
Wie entsteht nun Schmerz? Zunächst ist ein Reiz nötig, der so stark ist, dass er Körperzellen bzw. -gewebe schädigt. Das können äußerlich mechanische (kräftiger Schlag), elektrische (Strom) oder chemische (Hitze) Einflüsse sein; innerlich Entzündungen. Jetzt ist das Zusammen-
spiel vieler Funktionen nötig, damit der Reiz übertragen und als Schmerz registriert wird: Die Zellen setzen Schmerzbotenstoffe frei, die zu einer Erregung von Schmerzrezeptoren führen. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über sogenannte periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden.
In Form von elektrischen Impulsen wird die Erregung in unterschiedlichen Geschwindigkeiten zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.
Was sich in den Nervensystemen abspielt, ist zwar immer ähnlich, dennoch ist jeder Schmerz anders und wird höchst unterschiedlich erlebt:
An der unterschiedlichen Schmerzwahrnehmung sind nicht zuletzt Endorphine beteiligt – schmerzstillende Substanzen, die der Körper selbst produziert. Diese sind überall dort nachzuweisen, wo Schmerzimpulse weitergeschaltet und verarbeitet werden, also im Rückenmark und Gehirn, kurz: im zentralen Nervensystem.
Wie wird ein Schmerz chronisch? Unser Körper kann ein Schmerz-
gedächtnis entwickeln. Senden die Schmerzsensoren pausenlos beziehungsweise über längere Zeit einen Schmerzreiz über das Rückenmark an unser Gehirn, merkt es sich den Vorgang und wir empfinden selbst dann noch Schmerz, wenn die Ursache längst beseitigt ist. Gleichzeitig gewöhnt sich der Körper an Schmerzmittel, sodass deren Wirkung allmählich nachlässt.
Klahre, A. S.: Schmerz – vom Warnsignal zur endlosen Qual.
almeda.de, 1997
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1 Pain in Europe Survey, NFO World Group, Oktober 2002
bis Juni 2003
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Zuletzt geändert: 20.10.2008
Mit dem Schmerz verhält es sich wie mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Er kann vor Schaden bewahren, aber auch zum unbarmherzigen Tyrannen werden und ebenso sinnlos wie unablässig quälen.
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