
Bandscheiben-OP
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Die Diagnose und Behandlung von Erkrankungen der Wirbelsäule ist in den letzten Jahren zu einem boomenden Spezialgebiet in jenen medizinischen Fächern geworden, die sich mit der Wirbelsäule beschäftigen. Das gilt besonders für den Bereich der Bandscheibenoperation. Dennoch hängt die Entscheidung, ob ein Rückenschmerz durch einen operativen Eingriff zu beheben ist, nach wie vor von vielen Faktoren ab und kann nur nach sorgfältiger Abwägung erfolgen.
Die menschliche Wirbelsäule hat zwar nur fünf Lendenwirbel. Dennoch stellt dieser untere Teil des Rückgrats die anfälligste Partie dar, da sie die Basis des Oberkörpers bildet und als solche durch den aufrechten Gang extremer Belastung unterliegt. Entsprechend treten Bandscheibenvorfälle am häufigsten im Lendenbereich auf.

(photocase.com
© aufrecht)
Nicht immer müssen Sie gleich unters Messer. Die Empfehlung für eine Operation steht nicht an erster Stelle, da die meisten bandscheiben-
bedingten Erkrankungen und deren Folgen durch konservative ("bewah-
rende") Therapien behandelt werden können. Zudem können unter der Kontrolle bildgebender Verfahren schmerzstillende, entzündungshemmende und gewebetötende Medikamente milli-
metergenau an den schmerzenden Nerv gespritzt werden. Die Verfahren heißen Peridurale Infiltration, PDI und Peridurale Therapie, PRT; sie werden ambulant durchgeführt.
„Grundsätzlich sollte ein Eingriff stets die letzte Maßnahme in der Behand-
lung von Rückenleiden sein", betont Professor Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Berliner Charité, im Magazin Healthy Living.1 „Selbst bei rund 80 Prozent aller Bandscheibenvorfälle heilen die Schmerzen ohne Operation wieder ab.“
Experten empfehlen ein differenziertes Vorgehen:
ist eine Operation, wenn sich die Schmerzen als behandlungsresistent erweisen und sich auch dann nicht bessern, wenn sie mit multimodalen Therapiekonzepten (siehe unten) angegangen werden; wenn es zu stärkeren Gefühlsstörungen oder zu einer Schwächung der Muskulatur kommt. Nach drei Monaten wird akuter Rückenschmerz chronisch. Chronischer Schmerz wiederum wird in aller Regel sechs Monate konservativ behandelt.
ist eine Operation, wenn es zu Blasen- und Mastdarmstörungen, Lähmungen oder hochgradigen Einschränkungen der Gehfähigkeit (Gehschwäche, Fußhebeschwäche, Kniebeugeschwäche) kommt.
„Eine Operation ist immer dann notwendig, wenn eine akute Blasen-
Mastdarmstörung oder schwere Nervenausfälle, also Lähmungs-
erscheinungen vorliegen“, bestätigte Professor Peter Wehling vom Düsseldorfer Zentrum für Molekulare Orthopädie beim Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, Ende 2007 in Berlin.
„Ansonsten verhilft zunächst eine gute Schmerztherapie mit Medika-
menten, Akupunktur und Physiotherapie zur Besserung“, so Wehling. Weitere Empfehlungen lauten:
In einer Studie der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg wird explizit darauf hingewiesen, „auch seelische Probleme und Stress zu behandeln.“2 Immerhin: 50 Prozent aller Rückenschmerzen sind psychisch bedingt.
„Zu erwarten ist neben einer Reduktion des Schmerzes eine verbesserte Lebensqualität, die sich durch verbesserte Befindlichkeit, Zunahme der körperlichen und beruflichen Aktivität und gesteigerte Zuversicht sowie verringerte Depressivität nachweisen lässt“, so Professor Heinz-Dieter Basler vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität Marburg.
Die Aussage ist vor dem Hintergrund umso wichtiger, dass eine Operation einen erneuten Vorfall nicht verhindern kann.
Dass Wirbelsäulen-Operationen auch bei Fachleuten umstritten sind, wusste Professor Wehling in Berlin nach Auswertung von circa 1.200 internationalen Publikationen zu berichten, darunter auch die weltweit größte klinische Studie bei 1244 Bandscheibenpatienten:3 „Kurzfristig können Operationen bei Bandscheibenvorfällen an der Lendenwirbel-
säule helfen, mittel- und langfristig sind die Ergebnisse von operierten und nicht operierten Patienten gleich.“
Die verschiedenen Studien machen laut Wehling deutlich, dass es beim Bandscheibenvorfall keine Standardtherapie gibt. Vielmehr ist ein individuell auf jeden Patienten abgestimmtes Behandlungskonzept auf Basis einer gründlichen Diagnostik gefragt. Eine maßgebliche Rolle bei der Wahl des einen oder anderen Verfahrens spielen die Lokalisation des Bandscheibenvorfalls, das Ausmaß der Einschränkungen im täglichen Leben und die Erfahrung des Operateurs.
Jede neurochirurgische, neurologische, orthopädisch-rheumatologische Klinik oder Fachabteilung, jeder niedergelassene Neurochirurg und jeder Orthopäde stehen als professionelle Ansprechpartner für die Behandlung des Bandscheibenvorfalls zur Verfügung. Im Internet:
Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. > dgss.org
Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie > dgnc.de
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. > schmerz-therapie-deutschland.de
Deutsche Wirbelsäulengesellschaft > dwg.org
Außerdem ein interessanter Artikel zur Prävention von Bandscheibenvorfällen: "Richtig heben – damit der Getränkekasten keinen Bandscheibenvorfall hervorruft"
Bundesverband Ambulantes Operieren e.V.
Deutscher Schmerztag 2003, Frankfurt/Main
Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, Berlin 2007
___________________
1 Gesunder Rücken ohne OP: Greifen deutsche Chirurgen
zu schnell zum Skalpell? Healthy Living, Ausgabe vom
24.10.2007
2 Schiltenwolf, M. et al: Comparison of a biopsychosocial therapy
(BT) with a conventional biomedical therapy (MT) of subacute
low back pain in the first episode of sick leave: a randomized
controlled trial. Eur Spine J. 2005 Nov 26
3 Weinstein, J.N. et al: Surgical vs Nonoperative Treatment for
Lumbar Disk Herniation, The Spine Patient Outcomes Research
Trial (SPORT): A Randomized Trial. JAMA, 2006;296:2441-2450
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Zuletzt geändert: 13.07.2009
In Deutschland kommt etwa jeder fünfte Bandscheibenpatient unters Messer. Anstelle großer, offener Eingriffe wenden Mediziner heute neue minimalinvasive oder mikrochirurgische Therapiekonzepte an. Katheter, Hitzesonde oder Mikrolaser beseitigen Schmerzen und schonen den Körper.
Die seriöse Forschung streitet sich: Versteifungsoperation oder zweite Bandscheibe bei fortgeschrittener Degeneration?