
Orthopädie
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(panthermedia.net © m.heller)
Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems rangieren in den Statistiken der Krankenkassen seit jeher an der Spitze. Dahinter verbergen sich viele individuelle Leiden, die nicht nur schmerzhafte Folge von gebrauchsbedingtem Verschleiß sind. Problemregion Nummer eins ist die Wirbelsäule; sie beziehungsweise Bandscheibenschäden sind auch die Begründung für jeden zweiten vorzeitigen Rentenantrag.
Der menschliche Körper ist erstaunlich komplex aufgebaut. Solange alles einwandfrei funktioniert und wir uns gut bewegen können, denken wir kaum über die verschiedenen Funktionen nach. Erst bei einem gesundheitlichen Problem werden wir uns der Funktionen und Einschränkungen bewusst. Walter Faber, die Hauptfigur aus Homo Faber, einem der Literaturklassiker des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, hält den menschlichen Körper „für eine mögliche, aber nicht sehr solide Konstruktion, die aus einem sehr ungünstigen Material besteht.“1
Durchaus denkbar, dass auch Sie zu der Annahme neigen, wenn es zwischen Hammerzeh und Halswirbelsäule mal wieder schmerzhafte Hinweise darauf gibt, dass der Körper unter anderem aus Knochen, Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern besteht. In der Tat unter-
scheidet sich der Mensch mit seiner langen Wirbelsäule, dem flachen Rumpf, der schmalen Taille, den breiten Schultern und Hüften von anderen Wirbeltieren, selbst von seinen nächsten biologischen Verwandten, den Menschenaffen.2 Dennoch ist zumindest das menschliche Muskel-Skelett-System keine Fehlkonstruktion, sondern ein ausgeklügeltes biomechanisches System – außerordentlich beweglich, enorm leistungs- und regenerationsfähig.
Und was macht der Mensch daraus? Auch wenn der Bewegungs-
apparat einem gebrauchsbedingten Verschleiß unterliegt, kann er diesen durch seinen Lebens- und Arbeitsstil erheblich verstärken.
Die Folge: In Deutschland leiden zwischen neun und zwölf Millionen Menschen – exakte Statistiken liegen nicht vor – an Schmerzen im Bewegungssystem. Dahinter verbergen sich nicht nur viele individuelle Leiden, sondern auch hohe volkswirtschaftliche Belastungen. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems rangieren in den Statistiken der Krankenkassen seit jeher an der Spitze aller Krankheitsarten, sie verursachten 2006 fast jeden vierten krankheitsbedingten Ausfalltag3 und 22,4 Milliarden Euro Kosten.4 Für die Rehabilitation dieser Patienten werden jährlich etwa 5,5 Milliarden Euro aufgewendet, nicht enthalten sind die Kosten für langjährige Therapien bei verschiedenen Ärzten und wiederholte Operationen in vielen Fällen.5 Problemregion Nummer eins ist die Wirbelsäule; sie beziehungsweise Bandscheibenschäden sind auch die Begründung für jeden zweiten vorzeitig gestellten Rentenantrag.
Auch wenn ein kaputter Rücken den Hauptgrund für Krankschreibung und Frühberentung darstellt, „als Berufskrankheiten sind nur band-
scheibenbedingte Erkrankungen der Hals- oder Lendenwirbelsäule anerkannt“, so Professor Gine Elsner, Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Gesundheitswissenschaften am Klinikum der J.W. Goethe-Universität in Frankfurt/Main.7 Eine Reihe von arbeits-
organisatorischen Faktoren begünstigen allerdings solche Erkrankungen. So können schweres Heben und Tragen, ständige stereotype Bewegungen und Zwangshaltungen (gebückt, über Kopf, auf Knien) zu folgenden Diagnosen führen:
gehören Vibrationen und ein verringerter physiologischer Druck. Ersteres kann die Lendenwirbelsäule oder die Handwurzel beeinträchtigen, Letzteres zum Untergang von Knochen (Nekrose) führen.8
gehört Blei, welches das Längenwachstum der Knochen stört. Kadmium kann zu Osteoporose führen, Fluor zu einer Knochenverhärtung, der Fluorose. Durch Vinylchlorid können sich Knochen auflösen, durch Flusssäure sterben sie ab.9
Beschwerden an Bandscheiben, Hals- oder Lendenwirbeln setzen bei vielen bereits im Alter vor 30 ein, die Spitze liegt zwischen 45 und 55. Die Schmerzbilder sind unterschiedlich und variieren in Stärke und Dauer.
„Dieses Spektrum müssen wir in der Diagnostik und Therapie berücksichtigen“, betont Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.10 Entsprechend umfangreich ist die Palette der diagnostischen und therapeutischen Strategien und vor allem deren Zusammenwirken. Denn sicher ist, dass es die alleinige Therapie oder gar eine Wunderpille nicht gibt und niemals geben wird.
Entscheidend ist eine gründliche Diagnostik. Gründlich bedeutet die 4-A-Regel: Anamnese, Ausziehen, Anschauen, Anfassen. Am Anfang steht das ausgiebige Gespräch: Wie lebt, arbeitet, schläft ein Patient mit Bewegungsschmerzen? Schon im familiären und sozialen Umfeld kann die ursächliche Therapie ansetzen.
„Dann muss der Arzt den Patienten körperlich untersuchen und sichtbare Auffälligkeiten registrieren, bevor er ihn in die Röhre schiebt“, so Dr. Wolfgang Bartel, Facharzt für Chirurgie in Halberstadt und Präsident der Gesamtdeutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin, auf dem Deutschen Schmerztag 2007 in Frankfurt/Main. „Wir dürfen nicht nach der Dawos-
Methode untersuchen und behandeln, also nur da, wo´s weh tut, sondern wir müssen die funktionellen Zusammenhänge berücksichtigen. Wir denken zu viel an einzelne Strukturen, dabei hängt doch jede Funktion von mehreren Strukturen ab.“
Diese Funktionsdiagnostik, bei der Fehlhaltungen, morphologische Störungen und Muskelverspannungen festgestellt werden können, erscheint zwar simpel, liefert jedoch oft bessere Aussagen als Röntgenbilder, CT- oder Kernspinaufnahmen. „Die Bilderflut in der Diagnostik zeigt zwar durchaus die Realität, aber nur selten die relevante Realität“, ergänzt Müller-Schwefe.
Wie sieht die relevante Realität aus? Gelenkbeschwerden und Bewegungsschmerzen sind teuer und werden aus vielen Gründen nicht richtig oder gar nicht versorgt. Medmonitor stellt Ihnen die häufigsten orthopädischen Diagnosen, deren Ursachen und Merkmale vor. Für diese Patienten gilt in besonderem Maße, dass der richtige Patient die richtige Therapie zur richtigen Zeit erhält.
___________________
1 Frisch, M.: Homo Faber, S. 171
2 Witte, H., Preuschoft, H.: Institut für Anatomie, Abt. Funktionelle
Morphologie, Med. Fakultät der Ruhr-Universität Bochum
3 DAK-Gesundheitsreport 2007
4 Statistisches Bundesamt: Gesundheit in Deutschland, 2006
5 Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V.,
Pressemitteilung Nr. 5, 10.März 2005
6 International Classification of Diseases, ICD-10-GM,
Version 2008
7 Elsner, G.: Basiswissen zu arbeitsbedingten Erkrankungen und
Beschwerden. DGB Bildungswerk
8 Ebda.
9 Ebda.
10 Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V.,
Pressemitteilung Nr. 5, 10.März 2005
Zuletzt geändert: 20.10.2008
Glaubt man den Statistiken, sind hierzu-
lande bei fünf bis 8,5 Millionen Menschen kaputte Gelenke verantwortlich für den Verlust von Lebensqualität.
Kennen Sie jemanden jenseits von Vierzig, der keine Muskelver-
spannungen hat, für den „Hexenschuss“ ein Fremdwort ist? Testen Sie Ihr Risiko:
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