
"Seht mich an"
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(© Krista Lange)
„Wer älter wird, hat noch viel vor!“ Richtig, deshalb ist es immer wieder wunder-voll, Menschen zu treffen, die das „dritte Alter“ zwischen 50 und 70 als Zeit der größten Freiheit für sich entdeckt haben. Das Buch Älter werden, Neues wagen stellt zwölf Menschen dieser Generation vor, auf die das zutrifft. So unterschiedlich die Geschichten, so ähnlich sind sich die Portraitierten in ihrem Mut und ihrer Überzeugung, das Leben zu meistern – auch und gerade weil in einem langen Leben nicht immer alles geradlinig verlaufen kann.
Die Rolle ist perfekt für Krista Lange: Es ist die Hauptrolle. Aber es kann auch grausam sein, als Erste auf die Bühne zu müssen. Wenn das Licht aufflammt, wird es für sie dunkel. Geblendet von den Scheinwerfern sieht sie nichts, während da draußen in der Schwärze 1400 Augenpaare auf sie gerichtet sind.
Jedes mal wieder fürchtet die 63-Jährige diesen Anfang, aber sie muss nach vorn, an den Rand der Bühne. Als wäre sie ganz unbeteiligt, muss sie festen Schrittes in die Dunkelheit gehen. „Kein Verlegenheitsgrinsen, nichts.“ Ganz nach vorn muss sie und ihre Hände zeigen, die Zähne blecken, sich ins Profil drehen. Diese Bewegungen sind nicht grazil oder anspruchsvoll. Sie sind nur demonstrativ. „Seht mich an“, ist die Botschaft, „so bin ich.“ So gewöhnlich, so verlebt.
Es ist ein radikaler Anfang. Aber die Choreographie stammt ja auch von Pina Bausch, der Leiterin des Tanztheaters Wuppertal, die für ihre kompromisslosen Inszenierungen weltweit berühmt ist. In ihrem Stück Kontakthof geht es um Einsamkeit und Sehnsucht, um Ängste und Wünsche, um Enttäuschungen und Verzweiflung. Es geht um die schwierigen Beziehungen zwischen Mann und Frau und um die Hoffnung, wenigstens für einen einzigen Menschen wichtig zu sein. Es geht darum, gesehen zu werden.
Ursprünglich hat Pina Bauch den Kontakthof 1978 mit jungen Profitänzern entwickelt, und es sollte auch gar nicht mehr sein als ein kurzlebiges Experiment. Doch zwanzig Jahre später füllte das Stück noch immer die Säle und wurde weltweit gespielt. Über die Zeit wuchs bei Pina Bausch der Wunsch, diesen lebensprallen Kontakthof einmal von Menschen getanzt zu sehen, die über die Erfahrung eines ganzen Lebens verfügten. Ältere sollten es sein, Laien, am besten direkt aus Wuppertal. Damit hat sie ein einzigartiges Experiment gewagt: Aus Zuschauern sollten Tänzer werden.
Krista Lange … schickte eine Postkarte, die nicht knapper hätte ausfallen können: „Falls Pina Bausch interessiert ist – ich bin es.“ Anderthalb Jahre hörte sie nichts aus Wuppertal, bis plötzlich die Einladung zum Casting kam.
Es war ganz seltsam. Als Krista Lange 60 Jahre als wurde, da hatte sie Angst, nicht mehr als jung zu gelten. Und nun, völlig unerwartet, fürchtete sie, dass sie zu jung sein könnte. Schließlich hieß es im Titel des Stücks „ab 65“. In vier Auswahlrunden bekamen die 13 Bewerberinnen Teile der Hauptrolle beigebracht und sollten außerdem improvisieren. Am Ende entschied Pina Bausch persönlich. Bei Krista Lange erwachte der alte Ehrgeiz, der sie ein Leben lang begleitet hat: „Ich habe es unbedingt gewollt.“ Sie hat nur ein Jahr gebraucht, um das restliche Ensemble einzuholen.
Wie die Mutter hat Krista Lange Sport studiert. In Köln wurde sie Sportlehrerin an einem Gymnasium und nebenher gründete sie den ersten antiautoritären Kinderladen der Stadt. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter nur zu Sauberkeit und Ordnung erzogen wird und lernt, brave Bildchen zu malen. Schule konnte doch nicht alles sein, also absolvierte sie eine mehrjährige Ausbildung zur Heilpraktikerin und Psychotherapeutin. Die anderen zu sehen war auch ein Weg, sich selbst zu erforschen.
Acht Jahre läuft das Stück jetzt schon und trotzdem muss immer noch intensiv geprobt und nachgebessert werden. Ist das nicht frustrierend? „Nein“, sagt sie, ohne zu zögern. „Nichts ist schlimmer, als mit einem Halbkönnen auf die Bühne zu gehen – und das in unserem Alter!“ Fehler sind schon schwer zu ertragen, aber unerträglich wäre jede Art von Nachsicht seitens des Publikums, nur weil man nicht mehr jung ist.
Mit ihren 63 Jahren ist Krista Lange die Zweitjüngste im Ensemble. Viele haben ihren 72. Oder 75. Geburtstag hinter sich und der älteste Tänzer hat kürzlich seinen 80. Gefeiert. Nicht immer waren sie alle gesund. Jo Ann Endikott hat im Programmheft die Krankheiten aufgezählt, die das Ensemble gemeinsam bewältigen musste: Brustkrebs, Herzprobleme, Lymphdrüsenkrebs, Osteoporose, Hüftgelenk-Schmerzen, Grauer Star, Tinnitus und Taubheit. Eine Tänzerin ist mit Perücke aufgetreten, weil sie mit der Chemotherapie alle Haare verloren hatte.
Über diese Krankheiten wird offen gesprochen. Es geht nicht darum, einen perfekten Körper vorzutäuschen. Es geht darum, nicht aufzugeben und sich selbst zu genießen. Es ist dieser leidenschaftliche Lebenswille, der sich auf das Publikum überträgt, wenn es so begeistert klatscht.
Älter werden, Neues wagen. Zwölf Portraits. Ulrike Herrmann/Martina Wittneben, 293 S., 14 Euro, Edition Körber Stiftung, 2008. Medmonitor dankt der edition Körber Stiftung für die freundliche Genehmigung, diese Auszüge zu veröffentlichen.
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Zuletzt geändert: 20.10.2008
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