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Krebs und Hormone 2002 bis 2007

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Bild zum Thema Gynäkologie und Geburtshilfe, Wechseljahre, Krebs und Hormone 2002 bis 2007

(photocase.com © Frau Lüders)

Krebs und Hormone 2002 bis 2007: Krebsalarm

Ab 2002 werden mehrere große Studien veröffentlicht, eine davon ist „Version eins“ der Women´s Health Initiative (WHI), die allen bisher veröffentlichten Studien zu den Auswirkungen der Hormon-
therapie widerspricht: Es gibt angeblich gesicherte Risiken für Brustkrebs und Herzinfarkte nach 5,2 Jahren Einnahme. Start frei für die Demontage.

 

Am 9. Juli 2002 wird die "Women's Health Initiative" (WHI) des amerikanischen National Institutes of Health (NIH) zur Hormonersatztherapie veröffentlicht. Als Präventionsstudie sollte die vorbeugende Wirkung einer Kombination von Östrogen und einem Gestagen bzw. Häufigkeit für verschiedene Erkrankungen ermittelt werden. In die Studie waren insgesamt 16.608 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren einbezogen. 8506 Frauen hatten eine Östrogen-Gestagen-
Kombination erhalten, 8102 Placebo. Über mindestens acht Behandlungsjahre hinweg sollte erfasst werden, bei wie vielen Frauen es zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenembolie, Brust-, Darm-, Gebärmutterschleimhautkrebs und Knochenbrüchen kam.

Am 31. Mai 2002 stellt sich anlässlich einer Zwischenauswertung nach 5,2 Behandlungsjahren heraus: Bei den hormonversorgten Frauen hat sich das Risiko für Darm- und Gebärmutterschleimhautkrebs sowie das Risiko von Knochenbrüchen im Bereich der Hüftgelenke etwas vermindert, das Brustkrebsrisiko aber etwas erhöht. Außerdem zeigt sich unter der Hormonersatztherapie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Lungenembolien, Herzinfarkten und Schlaganfällen, insbesondere im ersten Anwendungsjahr.

Die Studie sollte ursprünglich bis 2005 laufen, wird aber vorzeitig abgebrochen. Den Teilnehmerinnen wird nahegelegt, die Hormone sofort abzusetzen.

Der „Östrogen-Krieg“

Die Daten verstören die Befürworter und befeuern die Gegner der Hormontherapie. Und lösen eine Art „Östrogen-Krieg“ aus – eine hoch emotionale Kontroverse zwischen „den wirklichen Hormonexperten und ‚Spezialisten‘, die noch nie über Hormone geforscht, gelehrt, publiziert oder mit Hormonen therapiert haben.“ So hat es Professor Alfred O. Mueck, Leiter des Schwerpunktes für Endokrinologie und Menopause an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen, 2005 formuliert. Und damit unter anderem bestimmte Krankenkassen, Verbandsfunktionäre sowie Autoren in Fachmedien und der Laienpresse ins Visier genommen.1,2

Im Verlauf der Demontage der Hormontherapie scheut der Berliner Pharmakologe Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, selbst vor einem Vergleich mit der Contergan-Tragödie nicht zurück. Was Dr. Barbara Fervers-Schorre, Fachärztin für Gynäkologie/Psychoanalyse und Psychotherapie in Köln, in einem Vortrag so kommentiert: „Selbst der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer hat sich – entgegen seiner Verpflichtung zur ausschließlich sachlich-fachlichen Information – in einer Pressemitteilung zu einer kaum glaublichen Sprache der unsachlichen Mystifizierung und Dämonisierung hinreißen lassen.“3

Im weiteren Verlauf werden auch in der Hormonberatung erfahrene Ärzte mit Stellungnahmen und Empfehlungen aus unterschiedlichsten Quellen verunsichert, andere werden indoktriniert oder gar instrumentalisiert. Und mittendrin die Frauen. Weltweit. Von denen, die panikartig ihre bisherige HRT absetzen, geht es vielen nicht mehr so gut wie zuvor, vielen geht es richtig schlecht. Eine Aufklärung, die diesen Namen verdient und eine selbstbestimmte Entscheidung fördert, findet kaum statt.

Frauen zu alt, Dosis zu hoch

In der Folgezeit stellt sich immer mehr heraus, dass die WHI gravierende Statistik- und Diagnostikmängel aufweist, dass viele erstmalig mit Hormonen behandelte Frauen weit über Sechzig und damit nicht selten bereits verschiedentlich erkrankt sind, dass die Hormondosis zu hoch war und die Risiken so, wie sie dargestellt werden, nicht existieren.

Barbara Fervers-Schorre betont: „Jede Frau in Deutschland hat ein relatives Risiko von etwa zehn Prozent, an Brustkrebs zu erkranken. Das mögliche Zusatzrisiko durch eine HRT liegt zwischen ein bis fünf Promille und überschreitet damit nicht die relativen Brustkrebs-Risiken, die mit dem persönlichen Lebensstil verbunden sind, z.B. Übergewicht, Zigarettenrauchen, regelmäßiger Alkoholgenuss“.4

Untersuchungszeiträume zu kurz

2005 wird eine Untersuchung von Professor Manfred Dietel, Direktor der Pathologie an der Berliner Charité, veröffentlicht, die darauf hinweist, dass die HRT keinen Einfluss auf die primäre Neubildung von Brustkrebs hat. „Daten lassen nur den Schluss zu, dass die Hormone das Wachstum bereits vorhandener hormonsensitiver Brusttumoren stimulieren. Studien, die ein erhöhtes Krebsrisiko bei der Einnahme von Hormonen feststellten, haben lediglich Untersuchungszeiträume zwischen einem und sechs Jahren zugrunde gelegt, … zu kurz, um tatsächlich Rückschlüsse … ziehen zu können."5

In einer ebenfalls 2005 veröffentlichten australischen Studie haben die Autoren das kumulative Brustkrebsrisiko von 1000 Frauen, 50 Jahre alt, bis zu deren 79. Lebensjahr hochgerechnet, basierend auf den Daten einer australischen Erhebung von 2001. Das Ergebnis:6

  • Ohne Hormone: Diagnose Brustkrebs 939 nein, 61 ja.
  • Östrogen allein: Diagnose Brustkrebs 937 nein, 63 ja.
  • Östrogen plus Gestagen: Diagnose Brustkrebs 934 nein, 66 ja.

Das zusätzliche individuelle Risiko ist gering erhöht, nach Beendigung der HRT soll es rasch auf das Niveau von Frauen sinken, die keine Hormone erhalten haben.

Negativpresse und „Hormonparadoxon“

An Negativpresse mangelt es nach wie vor nicht. Was den Chef der Frauenklinik am Klinikum Aschaffenburg, Professor Alexander Teichmann, Anfang 2007 zu der Bemerkung veranlasst: „…Die Diskrepanz zwischen mittlerweile eindeutigen Daten und dem nicht nachlassenden Bemühen, aus ihnen die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen, ist ein Phänomen in der Medizingeschichte, das man wohl am besten als „Hormonpara-
doxon“ bezeichnen kann."7

Früher Start und niedrigste wirksame Dosis

Die Internationale Menopause Gesellschaft (IMS) hat pünktlich zum Weltmenopausetag am 18.Oktober 2007 die aktuelle Datenlage kritisch unter die Lupe genommen und bleibt bei ihrer Empfehlung, Hormone in der Peri- und Postmenopause nach sehr sorgfältiger Bewertung des Nutzen/Risiko-Verhältnisses zu verschreiben.8 Eine Hormoneinnahme in der frühen Menopause und bis zum Alter von 60 Jahren berge ein nur sehr geringes Brustkrebsrisiko, biete aber substanzielle Vorteile bei zentralnervös ausgelösten und urogenitalen klimakterischen Beschwerden sowie bei schlechter Lebensqualität als Folge des Östrogenmangels. Die Frauen sollten mit ihrem Arzt in jährlichen Abständen über die Fortführung einer Hormonbehandlung entscheiden.

Die Hormontherapie ist nur ein Beispiel dafür, dass es in der Medizin nicht nur um „wissenschaftliche Wahrheiten“ im Interesse der Patienten geht, sondern immer auch um Geld und Macht. Im Gefolge die unvermeidlichen Claqeure, Selbstdarsteller, Trittbrettfahrer.

 

____________________

1 Berufsverband der Frauenärzte, Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. A.O. Mueck,
   Schwerpunkt für Endokrinologie und Menopause, Universitäts-
   Frauenklinik Tübingen: Erklärung des Berufsverbandes der
   Frauenärzte – Entwarnung hinsichtlich der HRT,
   Gegendarstellung zur Pressemitteilung des BMGS. Gyne
   10/2005

2 Mueck, A.O.: Weiter positive Ergebnisse der WHI. Unter
   Estrogenen allein eher Reduktion des Risikos für Brustkrebs und
   Herzinfarkte! Gyne 04/2004

3 Fervers-Schorre, B.: Hormonersatztherapie postmenopausaler
   Frauen: Die Autonomie der Frau und die öffentliche
   Indoktrination – ein inakzeptabler Widerspruch. Gyne 10/2004,
   nach einem Vortrag 12/2003

4 Ebda.

5 M. Dietel, M.A. Lewis and S. Shapiro: Mini Review: Hormone
   replacement therapy: pathobiological aspects of
   hormone-sensitive cancers in women relevant to epidemiological
   studies on HRT, in:Human Reproduction 2005;20(8):2052-2060

6 Coombs NJ et al: Hormone replacement therapy and breast cancer:
   estimate of risk. Br Med J 2005; 331: 347-9

7 Teichmann, A.T.: Vom Paradigma zum Paradoxon: Relatives Brustkrebs-
   Risiko und HRT, Gyne, 01/2007

8 International Menopause Society: HRT and the Menopause:
   Time for Re-Evaluation, Zürich, 9.10.2007

 

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Zuletzt geändert: 20.10.2008

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